«Architektur ist mehr denn je auch territorial zu verstehen».

«Architektur ist mehr denn je auch territorial zu verstehen».
11 octobre 2017, Alexander Muhm im Gespräch mit Pierre de Meuron

«Architektur ist mehr denn je auch territorial zu verstehen».

Direkt neben dem Bahnhof Basel SBB wird im beliebten Gundeldingerquartier das Meret Oppenheim Hochhaus (MOH) gebaut. Gemütliche Cafés und Kulturlokale, Gewerbebetriebe sowie zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten verleihen diesem multikulturellen Quartier ein städtisches Flair. Die Innenstadt ist schnell zu Fuss erreichbar. Dank der hervorragenden öffentlichen Verkehrsanbindung und dem fahrradfreundlichen Klima gelangt man in wenigen Minuten in die grüne Umgebung Basels. Konzipiert wurde das MOH von Herzog & de Meuron.

Herzog & de Meuron sind weltweit für ihre innovativen Bauprojekte bekannt und wurden vielfach ausgezeichnet. Mit dem Meret Oppenheim Hochhaus schaffen sie neben einem architektonisch beeindruckenden Gebäude auch funktionale Dienstleistungsflächen und Wohnungen an zentraler Lage.

Ein Interview mit Pierre de Meuron zur Baukultur in der Schweiz, gute Architektur-Entwürfe und die Zukunft der Schweizer Städte...

 

Wie würdest Du die Baukultur bzw. die Bedeutung von Architektur in der Schweiz beschreiben?

Die Schweiz gilt als Land, in dem der Stellenwert der Baukultur höher ist als anderswo. Die starke Bautätigkeit in den vergangenen Jahren sollte aber zu einer kritischen Standortbestimmung führen: Was war gut, was war weniger gut, was war schlecht – sowohl quantitativ wie qualitativ betrachtet.

Welche Rolle hat SBB Immobilien als Projektentwickler in der Schweiz?

Als einer der grössten Immobilienbesitzer des Landes ist Eure Rolle natürlich enorm wichtig – und eigentlich habt Ihr gleich eine zweifache Verantwortung: Ihr müsst nicht nur die Mobilität der Zukunft planen und die Infrastruktur dafür zu Verfügung stellen. Ihr könnt mit den Immobilien ebenso starke Zeichen der städtebaulichen Verdichtung in den Zentren des Landes setzen.

Was zeichnet Euren Entwurf für das Meret Oppenheim Hochhaus aus?

Das Gebäude setzt am Meret Oppenheim-Platz einen wichtigen Verknüpfungspunkt zwischen dem Gundeli und dem Bahnhof Basel SBB. Durch die veränderbare Form der Faltklappläden wird es stets unterschiedliche „Gesichter“ zeigen. Aus städtebaulicher Perspektive stärkt es den Ausgang Süd des Bahnhofs und würde durch einen künftigen Margarethenplatz auf der heutigen Margarethenbrücke, wie wir ihn im Rahmen des Herzstücks angedacht haben, sinnvoll ergänzt. Der künftige Meret Oppenheim-Platz zwischen der Passerelle und dem Hochhaus wird - im Gegensatz zu heute - ein Ort des Aufenthalts. Er verbindet mit der Skulptur von Meret Oppenheim, die im geplanten Brunnen platziert wird, die Namensgebung von Platz und Hochhaus zu einem sinnvollen Ganzen.

MOH Terrasse

Was macht einen „guten“ (Ent-)Wurf aus?

Architektur wird auf zwei Arten rezipiert: Aus der Sicht des Nutzers und aus Sicht des Wahrnehmenden. Gute Architektur befriedigt beide Bedürfnisse: Die der Funktion und die des Ästhetischen.

Worin besteht der Mehrwert bei Projekten auf oder in der Nähe von Bahnhofsarealen?

Zunächst entsteht natürlich ganz einfach ein finanzieller Mehrwert durch die Nutzung von teils brach gelegenem Grund und Boden. Daneben gibt es aber auch einen städtebaulichen Mehrwert, indem dort verdichtet wird, wo es sinnvoll ist. Genau dies wird im Raumplanungsgesetz so formuliert und eingefordert: Die Entwicklung soll entlang der bestehenden Zentren stattfinden und keine monofunktionale, sondern eine multiple Verdichtung bringen: Also eine Art „Nutzungsbouquet“ aus Läden, Arbeitsplätzen, Wohnen, Kultur und Erholung.

Wodurch entsteht eine Stadt und was benötigen die (Schweizer) Städte der Zukunft?

Den ersten Teil der Frage innerhalb der geforderten Kürze zu beantworten, ist eigentlich unmöglich. Soviel dazu: Die Geschichte hat gezeigt, dass die Entstehung einer Stadt immer eine Folge von diversen Faktoren ist – geografischen, kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen. Für die Zukunft von Basel und anderen Metropolitanregionen der Schweiz gilt es insbesondere, die bestmögliche Verkehrsinfrastruktur anzubieten. Das Herzstück ist eines der bedeutendsten Projekte in dieser Hinsicht.

«Smart City» - für Dich nur ein Schlagwort?

Das ist sicher in erster Linie ein Schlagwort, ein „Buzzword“, sozusagen. Es fragt sich, was genau damit gemeint ist. Die Ideen, die dahinterstehen, sind sicher interessant – aber mir fehlt es oft an konkreten Inhalten.

Was sind Deine Befürchtungen wenn ihr Projekte für SBB Immobilien plant?

Was sind denn Eure Befürchtungen, wenn Ihr mit uns arbeitet? Die sechs Projekte, die wir für die SBB haben planen und ausführen dürfen zeigen, dass es keine gegenseitigen Befürchtungen sondern ein grosses gegenseitiges Vertrauen gibt!

Was rätst Du SBB Immobilien für die Zukunft?

Ich würde mich sehr über einen regelmässigen Austausch mit Euch über Architektur und Städtebau freuen. Wir haben in unserem Büro, aber auch am ETH Studio Basel einiges an Wissen zusammengetragen und viele Ideen generiert – wenn dieser Austausch zu neuen gemeinsamen Projekten führen sollte – umso besser!

Was Du schon immer bzgl. Architektur gefragt werden wolltest und deine Antwort darauf…

Wie Du Dir vorstellen kannst, sind Jacques und ich in unzähligen Interviews allen möglichen Fragen zur Architektur gegenübergestanden. Der gebauten Umwelt sind die Menschen unausweichlich ausgesetzt, dementsprechend stellen sich allen Fragen dazu. Aber Architektur ist mehr denn je auch territorial zu verstehen: Was geschieht mit der Landschaft? Was ist bebaut, was ist und bleibt unbebaut? Diese Frage wird unseres Erachtens zu wenig gestellt. Die SBB haben mit ihrem Schienennetz, das sich durch Stadt und Land zieht, bei diesem Thema in der Schweiz eine Schlüsselposition inne.

 

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Pierre de Meuron
Pierre de Meuron
Pierre de Meuron studierte 1970 bis 1975 Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) bei Aldo Rossi und Dolf Schnebli. Er schloss sein Studium 1975 ab und gründete 1978 gemeinsam mit Jacques Herzog sein eigenes Architekturbüro. Die Partnerschaft ist über die Jahre gewachsen und das Büro mit Stammsitz in Basel wird heute gemeinsam mit den Senior Partnern Christine Binswanger, Ascan Mergenthaler und Stefan Marbach geführt. Ein Team von rund 400 Mitarbeitenden arbeitet an Projekten in Europa, Nord- und Südamerika und Asien. Jacques Herzog und Pierre de Meuron unterrichten beide an der Harvard University, USA (seit 1994) und am ETH Studio Basel – Institut Stadt der Gegenwart, ETHZ (seit 1999). Für das Gesamtwerk hat Herzog & de Meuron zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem 2001 den „Pritzker Architecture Prize“.

im Gespräch mit

Alexander Muhm
Alexander Muhm
Alexander Muhm est responsable CFF Immobilier et membre de la Direction du groupe depuis janvier 2019. Architecte diplômé et docteur en sciences techniques de l’Université de technologie de Vienne, il a d’abord travaillé dans diverses équipes de planification au sein de plusieurs entreprises en Autriche. Il s’est ensuite spécialisé dans la gestion de projet avant de rejoindre les CFF en 2009.
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